Freitag, 04.04.25
Heute bin ich in Szentegyháza angekommen, wo ich bei Kati und Sándor Haáz verbleiben werde, besondererweise besteht das Haus zum größeren Teil aus einem Gästebereich mit Wohnzimmer, vier Schlafplätzen und einem Badezimmer, welchen ich alleine bewohne. Es ist sehr schön und gemütlich eigerichtet und ich werde hier sicher eine gute Zeit verbringen. Vor unserer Ankunft habe ich den Tag allerdings in einem anderen Ort verbracht, wo ich am Morgen mit Kati néni hingefahren bin. Dort hat ein Wettbewerb für Volksmusik stattgefunden, an dem auch 3 Kinder der Fíli teilnahmen. Dies war die 2. Runde (für ganz Siebenbürgen), aus der die besten Teilnehmenden ins Landesweite Finale einziehen. Die etwa 30 Schüler waren nach Alter in 2 Gruppen aufgeteilt und sangen zunächst jeweils ein vorbereitetes Volkslied sowie ein Lied auf Verlangen der Jury. Es hat mich begeistert, wie groß die Wertschätzung der Ungaren ihrer kulturellen Traditionen ist: Zum einen der Musik, die die deutsche Volksmusik qualitativ um Längen übertrifft, zum anderen der Kleidertrachten, die sich pro Dorf etwas in Mustern und Stoffen unterscheiden und von allen Teilnehmenden getragen wurden. Da ich mit keinem dieser Dinge vertraut bin, viel es mir schwer, die Kinder auseinanderzuhalten und mir zu merken, wie sie sangen. Der einzige Text, den ich verstanden habe, war kicsi madár (kleiner Vogel) und piros (rot). Kati néni dagegen konnte einige Lieder sogar anhand ihrer Melodien verschiedenen Regionen zuordnen!

Mittagessen gab es in einem Restaurant in der Nähe, wo sich die Jury zur Beratung traf.
Nach dem Essen hatte ich Zeit, ich etwas im Dorf umzuschauen und die vielen kleinen Kirchen zu bewundern, die es dort gab. Nach einer weiteren Gesangsrunde für die Besten standen die Siegerinnen und Sieger fest und wurden mit Urkunde und kleinen Preisen geehrt. Wir sind mit dem Fíli-Bus nach Szentegyháza aufgebrochen, wo der Chor noch eine Probe hatte, ich mich aber in Ruhe in der Wohnung umschauen durfte.
Samstag, 05.04.2025
Nach zwei wirklich vollen Tagen durfte ich heute zum Glück ausschlafen – eine Gelegenheit, von der ich nur allzu gerne Gebrauch gemacht habe! Nach dem Frühstück bin ich dann mit Kati néni zum Fíli-Haus ein paar Hundert Meter weiter im Dorf spaziert, wo Sándor bacsi bereits am arbeiten war. Zunächst durfte ich mir das Gästehaus anschauen, in dem bis zu 6 Personen verbleiben können. Ein Zimmer war mit traditionellen ungarischen Möbeln eingerichtet, das andere eher im Bürgerlichen Stil. Auf die Frage, welches ich persönlich präferieren würde, konnte ich nur sprachlos zwischen den beiden hin- und herblicken, denn sie waren beide wunderschön. Das Beste befand sich aber im gegenüberliegenden Stall, beziehungsweise dem Holzbau, der einst als Stall fungiert hat. Mittlerweile fungiert er nämlich als Escaperoom, der vollständig von Sándor bacsi entwickelt und gebaut wurde. Um ihn erfolgreich zu verlassen, muss man 20 Hindernisse überwinden; Darunter ein Mäuselabyrinth, diverse Kletteraufgaben, ein „Hochspannungs“-parcours und eine holprige Schlittenfahrt. Es war total beeindruckend, wie gut und sicher alles funktionierte und wie viele kleine und große Ideen ihre Umsetzung gefunden haben – in einem Stall!!!

ein Gebäude zum Bersten voll mit Kreativität, fachmännischer Handarbeit und ganz viel Liebe für Spiel und Spaß
Bei einem Einkauf im Supermarkt konnte ich ein bisschen mit der rumänischen Währung Lei üben und traf zudem Boróka, eine Violinistin der Fíli die (hier untypischerweise) sehr gut Englisch kann.
Am Nachmittag gab es dann noch eine Orchesterprobe, bei der ich bei den Violinen mitgespielt habe. Auf dem Programm standen zwei Lieder und die Einzugsmusik des Chores, als Vorbereitung auf das Konzert in Klausenburg in einer Woche. Das klappte so gut, dass ich vielleicht teilnehmen darf, wenn ich bis dahin die Stücke kann und an die richtige Kleidung komme. Nach der Probe wurde rege auf Ungarisch diskutiert, wobei es sich, wie ich herausfand, um die Planung der An- und Abreise sowie die Verteilung der Schlafplätze drehte. Zum Glück traf ich kurz darauf Orsi und Zsombi, die Geschwister von Boróka, denen ich dank ihrer hervorragenden Englischkentnisse wieder besser folgen konnte. Orsi ist in meinem Alter, was aber leider bedeutet, dass unter der Woche an einer weiterführenden Schule außerhalb des Dorfs ist. Da ich auf meiner Reise kein Instrument mitnehmen konnte, habe ich nun die Geige vom tanár persönlich zur Leihe bekommen, um für das Konzert in Klausenburg zu üben.
Sonntag, 06.04.25
Nachdem ich heute vom lebhaften Gegacker der Hühner geweckt worden war, erblickte ich eine freudige Überraschung: Es hatte über Nacht geschneit! Nach einem entspannten Sonntagsfrühstück haben wir Notenheftchen aus der Musikschule geholt, und zwar für die Violine II. Sándor bacsi und Kati néni gingen danach in die Kirche, aber da ich noch so weinig Ungarisch verstehe, habe ich die Zeit zum Üben der Stücke genutzt. Das meiste läuft schon ohne Probleme durch, einzelne Stücke werde ich diese Woche allerdings noch spielen müssen.
Am Nachmittag fuhren wir dann mit drei Schülern der Fíli nach Csíkszereda, wo ein symphonisches Konzert mit Klaviersolo stattfand. Da sich hier monatlich Musikerinnen und Musiker aus Orchestern aus ganz Erdély zu einem überregionalen Orchester zusammenfinden, konnte ich einige aus Vársahély wiedererkennen. Auf dem Programm standen der ungarische Liszt Ferenc mit seinem Präludium und der Danse Macabre sowie Edward Elgar mit den Enigma Variationen. Wir sollten alle die weiße Fíli-Jacke tragen, da das Konzerthaus die Schüler mit einigen Freikarten pro Konzert fördert. Nach den wunderbaren Klängen bekam ich abends meinen Stundenplan für die anstehende Schulwoche.
Montag, 07.04.25
Heute war wieder ein sehr aufregender und eindrucksreicher Tag. Am Morgen habe ich fleißig für das Konzert geprobt sowie an meinem Ungarisch gearbeitet, damit ich zumindest die wichtigsten Sätze kenne. Außerdem war ich kurz draußen, aber da ich keine Gesellschaft für eine Schneeballschlacht hatte, musste ein einsamer Schneeengel genügen.

Gegen 13:00 Uhr bin ich mit Sándor bacsi zur Grundschule gefahren, wo die jüngsten Kinder der Fíli eine Chorprobe hatten. Vor Unterrichtsbeginn haben wir als Überraschung ein paar Äpfel für die Kinder geschnitten. Die Stunde begann mit ein paar Solfège-Übungen, bei denen die Kinder nachsingen und den Handzeichen des Lehrers folgen mussten, der nach den Kodaly-Gebärden Intervalle und kleine Melodien vorgab. Ich sollte eine Melodie vom Blatt singen, worauf die Kinder erraten sollten, um welches Lied es sich handelte. Danach wurde ein weiteres Lied geübt – zunächst Phrase für Phrase, dann als Ganzes, in Kleingruppen und zuletzt mit textdarstellenden Bewegungen. Ein Mädchen durfte den Text an die Tafel schreiben, wobei die anderen streng ihre Rechtschreibung überwachten. Ich konnte ihn leider nicht genau verstehen, aber zum Glück war Hanna in der Gruppe, die gut Englisch kann und mir einige Worte übersetzte. Außerdem zeichnete der Lehrer eine kleine Illustration an die Tafel. (Meine Schlussfolgerung was, dass ein schwarzer Vogel eine Flagge kaputtgemacht hatte und irgendjemand seine Kleidung zerrissen hat.)
Am Ende der Stunde baten mich die Kinder, ein Lied für sie zu singen. Auf die Frage, in welcher Sprache sie das gerne hätten, wurden sie sich nicht einig, weshalb ich ein Niederländisches und ein Deutsches für sie sang, was sie zu meiner Erleichterung (- selten war ich beim Singen eines Volksliedes so nervös wie bei dieser geschulten Audienz) mit großem Applaus beantworteten. Nach dem Mittagessen habe ich ein paar Einkäufe erledigt, wonach es auch bald schon wieder zum Musikhaus ging, wo der Geigenunterricht stattfand. Zuerst hatten zwei Mädchen gemeinsam Unterricht, dann kamen einige weitere Schüler dazu und wurden Orchesterstimmen geprobt. Im Laufe der Probe kam auch noch eine Gruppe jüngerer Geigenschüler, die noch nicht im Orchester sind, sich aber darauf vorbereiten. Im Anschluss hatten noch drei Mädchen gemeinsam eine Geigenstunde, bei der ich auch wieder mitspielte. Hin und wieder wurde ich gebeten, etwas vorzuspielen und zwischendurch sangen wir die Lieder, um Melodie und Rhythmus zu festigen. Die Anstrengung des Tages machte sich gegen Ende durch vermehrte kleine Fehler bei mir bemerkbar, doch glücklicherweise war der tanár trotzdem zufrieden. Nun lege ich mich schnell zu schlafen, denn morgen früh ist wieder Musikunterricht.
Mittwoch, 09.04.25
Gestern (also am Dienstag) habe ich abends noch eine Weile mit meiner Familie telefoniert, weshalb ich heute erst einen Bericht über den Tag verfasse:
Um 9 Uhr musste ich zum Musikunterricht in der Grundschule sein; wir begannen in einer siebten Klasse. Schon vor Betreten des Klassenraums war ich total begeistert. Denn drinnen waren die Kinder schon selbstständig am singen. En Mädchen stand vorne und leitete die Klasse an. Als der Lehrer den Raum betrat, standen alle schnell auf und sagte das Mädchen eine Art Begrüßungsformel. Ich wurde kurz vorgestellt und nahm hinten Platz. Wir begannen mit zwei Liedern, die Anhand des Datums des Tages aus einer Liste ausgewählt wurden. Ich muss sagen, dass ich wahrscheinlich Mühe hätte, 31 deutsche Volkslieder aufzuzählen. In dieser Klasse lernten die Kinder Intervalle, genau wie ich in dem Alter in der Schule. Ein wesentlicher Unterschied war aber, dass dieser Unterricht wesentlich praxisnäher war. Die Kinder arbeiteten kaum mit Noten, sondern nach Gehör und mit der Stimme. Beispielsweise mussten sie vorgesungene Intervalle, bestimmte Sprünge selbst singen und zu zweit Intervalle halten. Der Lehrer legte dabei einen großen Wert auf eine saubere Intonation und erklärte den Kindern, wie sie Unsauberkeiten anhand des Klangs erkennen und verbessern konnten. Als Hilfe beim Erkennen der Intervalle wurde stets ein Lied ausgesucht, welches mit dem jeweiligen Sprung anfängt. Jenes wurde dann auch gesungen – mindestens 3 Mal, um es zu festigen. Neue Lieder durfte ich den Kindern vorsingen – hoffentlich war meine Aussprache dabei in Ordnung. Die Kinder waren sehr freundlich und halfen mir, beispielsweise indem sie einzelne Wörter ins Englische übersetzten.
Die Pause verbrachte ich mit Boróka und ihren Freundinnen, die nebenbei noch schnell die letzten Rumänischvokabeln lernten. In der nächsten Klasse, einer sechsten, stand das Thema „Legato“ auf dem Programm, was die Kinder sich anhand der Judas Makkabäus-Marsches von Händel, der viele Melismen enthält, erarbeiteten. Natürlich wurde auch hier sehr viel gesungen, und nicht nur das: Einige Schüler hatten ihre Violinen dabei und spielten die Lieder darauf. Später spielte in einer anderen Klasse sogar eine Tuba mit! Der Musikunterricht machte mir total viel Spaß, war aber aufgrund des vielen Singens und der Sprachbarriere auch ziemlich anstrengend. Zum Glück hatte ich vor der darauffolgende Chorprobe noch eine Freistunde, in der ich Mittagessen konnte. Als ich zurück war zeigte eine total liebe Lehrerin, die gut Deutsch konnte, mir den Weg zum Chorraum, wo die Kinder auch wieder selbstständig am einsingen waren. Unter den Liedern waren zwei niederländische, die ich mitsingen konnte! Während der Probe konnte ich teilweise nur zuhören, da die Kinder prinzipiell auswendig singen. Im Anschluss an die Probe ging ich noch mit Kati ins Kulturhaus, um eine kleine Fotodokumentation für zuhause anzulegen. Insgesamt war es also wieder ein schöner, lehrreicher Tag.
Heute Mittag gab es wieder eine Chorprobe für Grundschüler. Die Kinder waren total lieb und sangen auch noch sauber, kräftig und fehlerfrei auswendig, kurzgesagt fantastisch. Danach war Instrumentalunterricht an der Reihe: Zuerst eine Stunde mit drei Blechbläsern, in der einige Marschstücke geprobt wurden. Sándor bacsi und ich spielten dazu die Geigenstimmen, was viel Spaß machte, da die Jungs die Stücke schon richtig gut draufhatten. Danach gab es noch Geigenunterricht, Chorprobe und schließlich eine Orchesterprobe. Dabei wurde auch ich irgendwann von Sándor bacsis gnadenlosen Gehör und effektiven Methoden, Falschspieler zu identifizieren, erwischt… Insgesamt liefen die Stücke aber trotzdem schon gut, sodass für das Konzert hauptsächlich noch an Klang und Phrasierung gefeilt werden musste. Morgen nach der Schule bin ich mit Boróka verabredet, unter anderem um Konzertkleidung von ihr zu leihen.
Donnerstag, 10.04.25
Heute war der Tag wieder voll mit schönen Dingen, angefangen beim Musikunterricht, und zwar direkt um 8 Uhr morgens. Meine persönliche Lieblingsaufgabe des Tages war es, mit einer Klasse den Kopf auf den Tisch zu legen und eine Beethovensymphonie zu hören. Niemand rührte sich, selbst nicht, als es zur Pause klingelte. Nach der Mittagspause war wieder Chor, danach ging ich mit Zsombi und Boróka nachhause. Dort bekam ich nicht nur die Kleidung, sondern auch noch Suppe, Brot mit Erdnussbutter, ein bisschen Hausgemachte Marmelade, eine Ausführliche Haus- und Hofführung, die schönste Aussicht auf eine Schneelandschaft meines Lebens sowie drei hausgemachte Würste aus Wildfleisch für meine Familie. Also wiegesagt, ein wunderschöner Tag.
Freitag, 11.04.25
Da morgen die kleine Tournee beginnt, wurde heute nochmal fleißig mit Chor und Orchester geprobt. Gemeinsam ergibt dies ein ziemlich großes Klangvolumen, weshalb ich dabei Ohrstöpsel trage. Es machte richtig viel Spaß, besonders als die niederländischen Lieder drankamen.
Sonntag, 13.04.25
Gestern war nämlich das Konzert, zu dem wir schon um 10 Uhr mit dem Bus aufgebrochen sind (aus welchem Grund ich erst jetzt schreiben kann). Im Bus gesellte sich bald Hanna zu mir, die den Auftrag bekommen hatte, sich mindestens 10 Minuten mit mir zu unterhalten. Aus den obligatorischen 10 Minuten wurde eine gesellige halbe Stunde, in denen wir uns rege über Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen unseren Kulturen austauschten. Danach wurde sie von Esther, Abigel, Dori und deren Teddy abgelöst, mit denen ich ebenfalls lange quatschen konnte.

Mein eigener Teddy war auch dabei
Nach gut 2 Stunden Fahrt gab es eine kleine Pause, danach setzte ich mich auf Wunsch der Mädels nach vorne in den Bus, um mit ihnen Fotos zu machen und „zwei kleine Wölfe“ zu üben.
Den Text fonetisch nach Gehör zu lernen war auf die Schnelle etwas zu schwer, allerdings wird das Lied zu großer Freude der Kinder jetzt ins Fíli-Repertoire aufgenommen.

Als Klausenburg aus der Ferne ich Sicht geriet begann die erste Chorprobe on the road die ich bisher erlebt habe. Leider kannte ich die meisten Texte nicht, ich habe aber fleißig mitgesummt. Nach Ankunft in der Stadt konnten wir unser Gepäck in der Schule lagern und hatten Zeit, auf Exkursion zu gehen. Da ich von den Führungen wenig verstanden hätte, schloss ich mich keiner Gruppe an, sondern ging mit Kati néni durch die Innenstadt und genoss eine deutschsprachige Privatführung.

Mit dabei war noch die zwölfjährige Réka, für die dies ihre allererste Tour und damit das erste Mal, dass sie eine große Stadt sah, war.
Danach gab es zum Glück Mittagessen, was wir alle gut gebrauchen konnten. Schließlich brachen wir auf zur Kirche, in der das Konzert stattfinden sollte. Dort mussten die Kleidertrachten verteilt und angezogen, noch einige Frisuren geflochten und das Podest für den Chor aufgebaut werden. Es war unglaublich, zu sehen, wie routiniert und diszipliniert selbst die jüngsten Kinder dabei waren. Sie zogen sich selbstständig und zügig um und halfen sich gegenseitig beim Binden von Schleifchen und dergleichen. An dieser Stelle ein großes Dankeschön an die mindestens 5 Personen, die schlussendlich an der Vervollständigung meines Konzertoutfits beteiligt gewesen sind! Kurz vor Konzertbeginn wurde noch ein Gruppenfoto genommen, bei dem wir witzigerweise auch von vielen Fremden fotografiert wurden. Der Chor stimmte ein Lied an, was noch mehr Menschen anzog. Möglicherweise hat dies dazu beigetragen, dass die Kirche schließlich so voll war, dass ein kleiner Teil des Publikums stehen musste. Und dann ging es endlich los: Musik! Im Laufe des Konzerts wurden meine Finger durch die Kälte gefühllos und meine Ohren durch die Schlagwerker hinter mir etwas strapaziert, doch das war es zweifellos wert.
Dennoch konnte ich mich nach der Zugabe kaum schnell genug etwas Warmes anziehen, so durchgefroren war ich. Danach wurden Boróka, Zsánet und ich von der dreizehnjährigen Bibi, dem jüngsten Kind unserer Gastfamilie, abgeholt und zum Auto gebracht, mit dem wir noch gut eine halbe Stunde zu deren Haus außerhalb der Stadt fahren mussten. Das war eine enorm spannende Erfahrung, denn der Hof befand sich gefühlt mitten im Nirgendwo, war nur über einen langen, sehr holprigen Pfad zu erreichen und war voll mit Katzen und Hunden – die genaue Anzahl habe ich aufgrund großer Müdigkeit nicht mehr registriert. Die Mutter war total lieb und bereitete noch ein Abendessen mit u.A. hofeigenen Kartoffeln für uns vor. Zu meinem Glück hatte die Familie längere Zeit in den USA gewohnt und sprach somit gut Englisch. Das Frühstück war sogar noch besser: es gab Waffeln und Pfannkuchen mit hausgemachter Marmelade! Nach einer Runde Karten brachen wir auch schon wieder auf in die Stadt.
Die Rückfahrt war ähnlich wie die Hinfahrt, nur halt rückwärts: Chorprobe, Pause, Gesprächsrunde, wobei letzteres dieses Mal zentralisiert stattfand. Jeweils eine Person sollte vorne im Bus ins Mikro sprechen und über den Aufenthalt in der jeweiligen Gasfamilie erzählen. Irgendwann wurde ich als nächste aufgerufen… In meinem besten Ungarisch, angereichert mit großen Gesten und Geräuscheffekten, schilderte ich unsere Erfahrungen. Es brachte mich echt ins Schwitzen, hat sich aber mehr als gelohnt, denn ich wurde dafür gefeiert wie ein Star. Nach der Ankunft in Sentegyháza half ich mit, Instrumente und Podestteile aus dem Bus zu schleppen und aufzuräumen. Danach blieb lediglich Energie für ein Abendessen.
Mittwoch, 16.04.25
Nun sitze ich schon wieder im Flugzeug und muss den Bericht der letzten beiden Tage nachholen, da ich noch so viel erleben durfte, dass ich bisher nicht dazu gekommen bin:
Am Montag konnte ich ein bisschen ausschlafen und in Ruhe mein Gepäck von der Tour auspacken. Nach dem Frühstück ging ich mit Sándor bacsi wieder in die Grundschule. Dies ist in den Schulen die „grüne Woche“, was bedeutet, dass die Kinder backen, basteln kochen dürfen. Ich ging in die Klasse einiger Mädchen von der Busfahrt, um mich von ihnen zu verabschieden.

Nach vielen Umarmungen und High-fives fuhren wir zur anderen Grundschule, wo es noch eine Chorprobe gab. Allerdings konnte jene natürlich nicht vor dem Kosten der ofenfrischen Pizza beginnen. Bei einem Lied trommelten plötzlich alle auf die Tische und stiegen dann auf ihre Stühle. Den Spaß habe ich mir natürlich nicht entgehen lassen. Auch hier gab es natürlich wieder reichlich Umarmungen zum Abschied. Nach der Probe machte ich mich schnell daran, heimlich einen Kuchen für meine lieben Gastgeber zuzubereiten. Nun, hier seht ihr das Ergebnis, aber Disclaimer: dem tanár hat es gut geschmeckt.
Am nächsten Morgen, dem Tag meiner Abreise, bekam ich noch eine freudige Überraschung: Tiramisu zum Frühstück! Eine der Schulklassen, die ich besucht hatte, hatte ihn in der Schule zubereitet. Vielen Dank ihr Lieben, es war nagyon finom! Der Abschied war traurig, aber hoffentlich nicht für immer.
Hier noch zwei Dinge, die in meinem Bericht keine Erwähnung gefunden haben, in meinen Augen aber dennoch des Fotografierens würdig waren:

Ein „typisch deutsches“ Geschäft sowie…

… ein Manuskript aus der Bolyai-Ausstellung im Haáz Rezső-Museum!
Nun, wo ich schon fast wieder in Dortmund bin, bleibt mir nur noch zu danken: Danke liebe Kinder aus Szentegyháza für die schöne Zeit, die wir gemeinsam hatten, danke lieber Sándor bácsi, dass ich bei euch verbleiben und so viel lernen und erleben durfte und am allermeisten Danke liebe Kati néni für das ständige Übersetzen, die Autofahrten und Deine fachmännische Unterstützung in diversen Situationen, womit Du mir all dies ermöglicht hast.
